Aus alt mach neu mach alt

2. April 2009, admin

Frankfurt gehört zu jenen deutschen Städten, die lange Zeit nichts für Denkmalschutz übrig gehabt haben. Nicht, dass es dort nach dem Krieg noch viel zu schützen gegeben hätte - die wenigen (zumindest teilweise) erhaltenen historischen Bauten in der Mainmetropole wurden trotzdem häufig abgerissen, manche aus praktischen Gründen, die meisten jedoch, weil man schnell das neue Stadtplanungskonzept durchziehen wollte: eine moderne Metropole mit zukunftsträchtiger Hochhaus-Architektur.

Dran glauben mussten seinerzeit auch die Überreste des Thurn-und-Taxis-Palais, vor den Bombenangriffen der Alliierten ein Wahrzeichen der Stadt, dessen Reste man abriss, um das Fernmeldehochhaus auf seinem Areal zu errichten. Doch nachdem gerade Berlin mit der Wiedervereinigung von einer regelrechten Rekonstruktionswelle erfasst wurde (Reichstag, Stadtschloss, etc.), begriff man auch in Frankfurt nach und nach, dass es sich lohnen könnte, dem Zentrum ein wenig von seiner altehrwürdigen Pracht zurückzugeben. Problem: Die Bodenpreise in Frankfurt sind horrend, und kein betriebswirtschaftlich versierter Investor hätte sein Geld in ein Projekt gesteckt, das außer einer kulturellen Bereicherung keine hinreichend profitable Nutzung erlaubt. PalaisQuartier Frankfurt

Zeit für einen neuen Wolkenkratzer, doch davon hat Frankfurt viele - wer in dieser Stadt etwas Besonderes schaffen möchte, punktet eher mit altem Prunk denn mit modernistischem Purismus. So entstand der Plan für das PalaisQuartier, benannt nach dem Palais Thurn und Taxis, dass sich hier einst befand. Zwei Wolkenkratzer, ein Einkaufszentrum, und: die alte Residenz der Fürstenfamilie.

Das Konzept geht auf: Das Shopping-Paradies myZeil ist bereits eröffnet, in die beiden Türme ziehen bald ein Hotel und verschiedene Firmen ein und die (verkleinerte) Neufassung des ursprünglichen Gebäudes, das am Thurn-und-Taxis-Platz stand, ist ebenfalls fertig. Architekten, Geldgeber und die Stadtverwaltung haben sich hier auf einen für alle Seiten befriedigenden Kompromiss geeinigt, wobei man zugeben muss, dass viele Kunsthistoriker und Restauratoren die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie hören, dass das Palais aus Stahlbeton erbaut wurde und nach der Eröffnung Einzelhandel, Gastronomie und ein Kongresszentrum beherbergen soll.

Zu meckern gibt es eben immer irgend etwas. Trotzdem sollten wir uns ab und an darauf besinnen, dass eine nicht perfekte Rekonstruktion besser ist als gar keine Rekonstruktion. Warum soll man die Menschen mit architektonischem Einerlei und heruntergekommenen Nachkriegsfassaden quälen, wenn die andere Option - Fake hin, Fake her - viel reizvoller ist?

Russlandturm gestoppt

23. November 2008, admin

Vor ein paar Monaten habe ich hier im Blog einen Artikel über das momentan gigantischste urbane Bauprojekt Europas - die Baschija Rossija (Russland-Turm) in Moskau - gepostet. Ziel des Wahnsinnsprojekt war es, der russischen Hauptstadt das höchste Haus Europas und nach dem Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten zweithöchste Gebäude der Welt zu bescheren.

So wie es mittlerweile aussieht, wird daraus jedoch wohl nichts. Zumindest nicht so schnell. Denn wie heute der FAZ zu entnehmen war, íst das Projekt vorerst gestoppt. Wieso? Na, wegen der Finanzkrise, was sonst? Nach und nach breitet sich die Seuche aus den USA überall aus … dass wir es noch nicht ganz so arg spüren, liegt definitiv an der Tatsache, dass die Bundesregierung mit Ihrem Hilfsangebot für die Banken den Markt etwas zur Ruhe bringen konnte.

Jedenfalls scheinen die für den Bau von Baschija Rossija zuständigen Investoren im Umfeld des Milliardärs Schalwa Tschigirinski die Kohle ausgegangen zu sein. Oder das Risiko, dass keiner in den über 600 Meter hohen Turm einziehen will, ist zu groß geworden. In jedem Fall ist es sehr schade, dass dieses Projekt nicht verwirklicht wird, denn bis jetzt war es besonders spannend zuzusehen, wie sich Moskau prächtig entwickelt und seinen Ruf als luxusorientierte Glitzermetropole immer weiter ausbaut.

Doch der Rückschlag wird wohl ohnehin nicht lange anhalten. Schließlich verdient man in Russland - anders als in Mitteleuropa oder Amerika - das große Geld immer noch mit Rohstoffen. Und die sind bislang noch reichlich vorhanden, weshalb auch die Kohle bald wieder fließen wird.

Freaky Art Vol. II: MoMA

19. September 2008, admin

Herrenmode aus den 70ernSeit fast 80 Jahren ist das MoMA die bedeutendste Institution für moderne Kunst weltweit. Nach einer längeren Umbauzeit, während der die wichtigsten Exponate des Museums in Berlin ausgestellt worden sind, erstrahlt es seit 2004 in neuem Glanz - auf doppelter Fläche, wohlgemerkt.

Bei der Vielseitigkeit, die das Museum of Modern Art zu bieten hat, rechtfertigt sich auch der Eintrittspreis von 20 Dollar (ermäßigt: 12 Dollar, z.B. mit deutschem Studentenausweis). Architektur, Malerei, Bildhauerei, Installation, Fotografie - alle Disziplinen der zeitgenössischen Kunst werden im MoMA umfassend abgebildet, erschaffen von großen Meistern ebenso wie von jungen Wilden.

Dank der Glasfassade des Gebäudes wirken die Werke ganz und gar nicht steril, sondern erscheinen stets im Lichte der pulsierenden Großstadt. Das Allerbeste: Abgesehen von ein paar Sonderausstellungen darf man fast überall im Museum fotografieren - mit einer guten Kamera kann man so seine Lieblingswerke für den heimischen Bilderrahmen festhalten! Mein persönliches Favorite war eine Collage aus Modefotografien eines deutschen Versandhaus-Katalogs anno 1976 … (siehe Foto)

Mittlerweile hat das MoMA übrigens auch eine Außenstelle in Queens, wo vor allem Experimental-Architektur unter freiem Himmel ausgestellt wird. Das Museumsticket ist jeweils für beide Locations gültig.

Freak-Tip: Wer sich den teuren Eintritt sparen möchte, kommt zum “Free Friday” ab 16 Uhr ins MoMA. Dann darf man sich allerdings auch nicht über Wartezeiten bis zu 2 Stunden wundern, denn die Schlange zieht sich an diesem Tag bis weit auf die Straße hinaus.

Zu Fuß über die Brooklyn Bridge

11. September 2008, admin

Aussicht auf ManhattanEs gibt einige Dinge, die muss man einfach tun, wenn man in New York ist. Aufs Empire State Building fahren, die Fifth Avenue entlang laufen, im Central Park picknicken … und bei Sonnenuntergang zu Fuß über die Brooklyn Bridge spazieren.

Vor kurzem 125 Jahre alt geworden, ist die Brücke über den East River längst eine New Yorker Institution und gilt seit jeher als eine der wichtigsten architektonischen Sehenswürdigkeiten des Big Apple. Damals eine technische Innovation, ist sie heute zwar nur eine von vielen Verbindungen zwischen Manhattan und den umliegenden Stadtteilen, doch ihr Mythos lebt weiter. Wer ein Gefühl für die beeindruckende Konstruktion bekommen und gleichzeitig einen der schönsten Ausblicke auf New York genießen möchte, sollte sich ihre Überquerung nicht entgehen lassen.

Um das Lichterspektakel bei Sonnenuntergang ungetrübt erleben zu können, muss man logischerweise von Brooklyn nach Manhattan laufen - sonst muss man sich entweder ständig umdrehen oder rückwärts gehen. Einfach mit der Subway (Linie F) bis zur York Street und dann noch ca. 10 Minuten bis zum Fußgänger-Aufgang zur Brücke. Das Beste ist, dass man als Fußgänger einige Meter über der Fahrbahn läuft, somit bekommt man vom teilweise recht starken Verkehr kaum etwas mit.

Verblüffet hat mich, dass tatsächlich viele Brooklyner die Brücke nutzen, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit nach Manhattan überzusetzen. Der Pedestrian Walk ist also bei Weitem keine reine Touri-Angelegenheit, sondern entspricht absolut dem New Yorker Trend, ohne Auto von A nach B zu kommen. Und wieder wird einem klar, wie anders diese Stadt im Vergleich zum Rest des Landes ist.

 

Wolkenkratzer - quo vadis?

29. Juni 2008, admin

Wolkenkrater in New York CityFast 100 Jahre dauert er nun schon an: Der Wettlauf um das höchste Gebäude der Welt. Lange Zeit blickte die Menschheit auf den amerikanischen Kontinent, wo der Wolkenkratzer als erstes Einzug in die Silhouette der Metropolen Einzug gehalten hat. Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung standen das Empire State Building in Manhattan oder der Sears Tower in Downtown Chicago für den Fortschritt und den Führungsanspruch der USA - bis zum Beginn der Globalisierung. Seitdem die Weltwirtschaft sich zunehmend vernetzt, wird auch das Know-How für den Bau repräsentativer Türme aus Stahl und Glas immer mehr zum internationalen Gut. Vor allem Asien hat den Höhenwahn auf die Spitze getrieben: Von Arabien über die Malaiische Halbinsel bis nach China überschlagen sich die Pläne von Wirtschaftskonzernen und Politik, sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Aus eigener Kraft lässt sich ein solches Vorhaben nur schwer schaffen, was den Aufschwung weltweit agierender Architekturkonsortien erklärt. Diese legen mittlerweile aber nicht mehr nur Wert auf gigantische Ausmaße - beim Design zählt vor allem der Wiedererkennungswert, während bei der Konstruktion vor allem die Sicherheit im Mittelpunkt steht. Weil sie die verschiedenen Dimensionen des Hochhausbaus auf unnachahmliche Weise vereinen, genießen Genies wie Sir Norman Foster oder Rem Koolhaas längst Promi-Status.

Und dennoch sind es gerade die besonders erfolgreichen Baukünstler, die am stärksten kritisiert werden. Die Vorwürfe, mit denen sich Büros wie SOM (Hauptsitz: Chicago), konfrontiert sehen, kommen zum Beispiel aus Kreisen von Globalisierungsgegnern und politischen Aktivisten: Die einen werfen ihnen vor, durch ihr Zutun die Ungleichverteilung des weltweiten Wohlstands zu manifestieren, während andere bemängeln, dass amerikanische und europäische Firmen autokratischen Machthabern dabei helfen, ihrem Herrschaftsanspruch ein Denkmal zu setzen, obwohl es in der Verantwortung des Westens läge, demokratische Strömungen zu unterstützen, anstatt seinen ideologischen Gegnern in die Hände zu arbeiten.

Auch aus der religiösen Ecke tönt es laut, wenn wieder ein neuer High-Rise-Rekord vermeldet wird. Meist wird ein Vergleich mit dem Turmbau zu Babel gezogen: dem Versuch des Menschen, sich auf die selbe Stufe mit dem allmächtigen Gott zu stellen. Gemäß biblischer Quellen prophezeien vor allem evangelikale Christen, dass der Hirte seine Schäfchen zur Verantwortung ziehen wird für den Frevel, sich seiner anzumaßen.

Dass sich seit Neustem auch Umweltexperten mit warnendem Ton äußern, wenn es um die Errichtung von neuen Wolkenkratzern geht, liegt indes an der Anhäufung von Naturkatastrophen, die unser Planet in letzter Zeit durchlebt hat. Vor allem die immer öfter und mit stärkerer Intensität auftretenden Erdbeben bereiten ihnen Sorgen, obwohl die Konstrukteure stets beteuern, dass ihre Pläne auf dem neuesten Stand der Technik sind, was die Stabilität der Häuser betrifft.

Wen kann man nun ernst nehmen und wen nicht? Welche Kritik ist zu weit hergeholt und wo lassen sich wirkliche Probleme erkennen? Für viele mag die Frage albern klingen, schließlich lässt sich der aufgeklärte Kosmopolit nicht von Aberglauben und Kleinmut beirren. Nichtsdestotrotz sollten wir uns darüber Gedanken machen, wo das alles hinführen soll. Bisher sind Städte wie New York, in denen das Tageslicht immer nur für einen kurzen Moment die Straßen erhellt, weil die endlosen Häuserschluchten den Grund von der Sonne abschirmen, noch in der Minderheit. Das erdrückende Gefühl, vom natürlichen Verlauf der Natur abgeschnitten zu sein, zeigt jedoch bereits seine Wirkung und hat bereits einer Reihe von Städten ihren Reiz genommen, ebenso wie der Abriss gewachsener Strukturen und die Zerstörung historischer Bauwerke.

Allein unter Millionen zu sein - der Identitätsverlust ist die eigentliche Gefahr, der wir uns aussetzen, wenn wir Wachstum als einziges Kriterium für den Fortschritt unserer Metropolen ansehen. Schließlich ist es ihre Einzigartigkeit, die wir so bewundern. 

Seitenanfang

Seitenanfang