Franz Kafka

Franz KafkaWer hätte einst gedacht, dass dieser nette junge Verwaltungsbeamte so viel zu sagen hatte? Dieser Mann, dessen Karriere, damals wie heute, spießiger nicht hätte sein können - nach dem Jurastudium arbeitete er als Sekretär einer Prager Versicherungsgesellschaft - wurde erst nach seinem Tod zu dem vielgeachteten Literaten, der er heute ist.

Kein Wunder, dass er den Großteil seiner Werke zu Lebzeiten nicht veröffentlichte. Zu groß muss Kafkas Angst gewesen sein, nicht für voll genommen zu werden, zumal er Zeit seines Lebens von Selbstzweifeln geplagt wurde. Sein surrealer Erzählstil erschließt sich heutigen Lesern ebenso schwer wie jenen von damals, doch seine fantasiereichen Sichtweisen auf das moderne Leben, das von Bürokratie und Regelbeachtung geprägt ist, scheint manchmal wie zugeschnitten auf unser Jahrtausend.

Um Kafkas Attitüde in Kürze darzustellen, schadet es nicht, einen Blick auf eine seiner Kurzgeschichten zu werfen. In “Poseidon” beschreibt er, was es für einen gestandenen Mann bedeutet, als Führungskraft an den Schreibtisch gefesselt zu sein …

Poseidon saß an seinem Arbeitstisch und rechnete. Die Verwaltung aller Gewässer gab ihm unendliche Arbeit. Er hätte Hilfskräfte haben können, wie viel er wollte, und er hatte auch sehr viele, aber da er sein Amt sehr ernst nahm, rechnete er alles noch einmal durch und so halfen ihm die Hilfskräfte wenig. Man kann nicht sagen, daß ihn die Arbeit freute, er führte sie eigentlich nur aus, weil sie ihm auferlegt war, ja er hatte sich schon oft um fröhlichere Arbeit, wie er sich ausdrückte, beworben, aber immer, wenn man ihm dann verschiedene Vorschläge machte, zeigte es sich, daß ihm doch nichts so zusagte, wie sein bisheriges Amt. Es war auch sehr schwer, etwas anderes für ihn zu finden. Man konnte ihm doch unmöglich etwa ein bestimmtes Meer zuweisen; abgesehen davon, daß auch hier die rechnerische Arbeit nicht kleiner, sondern nur kleinlicher war, konnte der große Poseidon doch immer nur eine beherrschende Stellung bekommen. Und bot man ihm eine Stellung außerhalb des Wassers an, wurde ihm schon von der Vorstellung übel, sein göttlicher Atem geriet in Unordnung, sein eherner Brustkorb schwankte. Übrigens nahm man seine Beschwerden nicht eigentlich ernst; wenn ein Mächtiger quält, muß man ihm auch in der aussichtslosesten Angelegenheit scheinbar nachzugeben versuchen; an eine wirkliche Enthebung Poseidons von seinem Amt dachte niemand, seit Urbeginn war er zum Gott der Meere bestimmt worden und dabei mußte es bleiben.

Am meisten ärgerte er sich - und dies verursachte hauptsächlich seine Unzufriedenheit mit dem Amt - wenn er von den Vorstellungen hörte, die man sich von ihm machte, wie er etwa immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere. Unterdessen saß er hier in der Tiefe des Weltmeeres und rechnete ununterbrochen, hie und da eine Reise zu Jupiter war die einzige Unterbrechung der Eintönigkeit, eine Reise übrigens, von der er meistens wütend zurückkehrte. So hatte er die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren. Er pflegte zu sagen, er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.

Diesen Artikel bookmarken!
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google
  • blogmarks
  • Blogosphere News
  • LinkArena
  • MisterWong.DE
  • Technorati

Seitenanfang

Sag was dazu!

Seitenanfang

Seitenanfang