Seit Jahren schwafeln Szenemagazine aus aller Welt von der neuen deutschen Hauptstadt, die sich mehr und mehr zum Zentrum der europäischen Avantgarde entwickelt und vor lauter Überschwänglichkeit sogar solch bedeutenden Metropolen wie London, Paris oder New York Konkurrenz macht. „Na ja,“ mag der eine oder andere nun denken, „da muss man schon zwei Augen zudrücken, wenn man durch die Straßen ehemaliger Ostviertel schlendert,“ und – vorbei an Industriebrachen und ausgedienten Plattenbauten – das architektonische Erbe der DDR an sich vorbeiziehen lässt.
Klar, für uns Deutsche i
st es natürlich spannend zu sehen, wie sich Ost und West nach und nach zusammenfügen, und jede Seite (mal abgesehen von dem mit Repräsentativbauten gespickten Regierungsviertel) dennoch ihr eigenes Gesicht behält. Aber ist es tatsächlich angebracht, sich mit den Millionenstädten traditioneller Großmächte zu messen? Hält Berlin, das bis vor 20 Jahren – zumindest im kapitalistischen Teil der Welt – wirtschaftlich und kulturell relativ unbedeutend war, dem Vergleich mit den seit Jahrhunderten etablierten Ballungszentren des Fortschritts stand?
Wissenschaftler streiten sich hierüber noch immer. Fragt man jedoch die Touristen in der Hauptstadt, so ist man fast schockiert über die Eintönigkeit der Antworten: „Greatest city in the world”, „ville de la liberté”, “architetturalmente irragiungibile” – es sind gerade die Pariser, Mailänder und Tokioter, die hier zum ersten mal einen Ort gefunden zu haben scheinen, für den sie sich vorstellen könnten, ihre Heimat zu verlassen. Besonders auf das Lob der Franzosen dürfen wir uns etwas einbilden, schließlich lassen unsere westlichen Nachbarn sonst kein gutes Haar an unserer Kultur, unseren Städten und unserer Gastronomie.
Sogar im vor selbstherrlicher Arroganz strotzenden Big Apple respektiert man unsere Kapitale mittlerweile als ebenbürtige Gespielin, der man auch mal sein wichtigstes Museum für ein paar Monate ausleihen oder den einen oder anderen städtebaulichen Kniff abgucken kann.
Die Berliner selbst nehmen’s – wie immer – gelassen. Auf die Frage, ob er findet, dass seine Heimatstadt der Nabel der Welt sei, hat mir kürzlich ein Bekannter im typischen Hauptstadt-Singsang geantwortet: „Nabel der Welt? Dit würd’ ick nich’ sagen. Berlin ist der Nippel der Welt. Jeder darf mal dran saugen. Und meistens kommt auch was raus.“
In diesem Sinne: Mama Berlin, drück’ uns an Deine wärmende Brust!